Erinnerungsrede zum 10. Todestag: Warum eine Gedenkrede auch Jahre später neue Nähe schaffen kann
Und wie ein Abend beim Lieblingsitaliener gezeigt hat, was Erinnerung alles kann
Manchmal beginnt eine große Geschichte ganz leise.
Im letzten Jahr, nach einer Beerdigung, kam eine Frau zu mir. Sie sagte, die Rede habe sie tief berührt und ob ich eigentlich nur klassische Trauerfeiern begleite.
Ich fragte zurück, was sie denn genau meine.
Und dann kam dieser Satz, der wie ein Tor in eine neue Welt aufging:
„Würden Sie auch eine Lebensrede oder Gedenkrede zum zehnten Todestag meines Mannes halten?“
„Ich sagte „Ja“.
Damals wusste ich noch nicht, wie sehr mich dieses „Ja“ begleiten würde. Dass daraus später eine Erinnerungsrede zum zehnten Todestag werden würde, ahnte ich nicht.

Zehn Jahre, zwei Frauen und ein Gespräch voller Leben
Vor einigen Wochen saß ich bei ihr zu Hause. Eine Freundin der beiden war auch dabei. Die Geschichten über ihn flogen irgendwie nur wild durch den Raum. Es war nicht schwer, sondern warm. Wir lachten viel. Die Erinnerungen hatten schließlich Zeit gehabt, sich zu setzen.
Jetzt sind es zehn Jahre ohne ihn.
Und gleichzeitig zehn Jahre mit ihm.
Nur anders halt.
Und in all dem erzählte sie mir von einer Tradition:
Sie feiert jeden Todestag. Aber nicht nur diesen. Sie lädt dazu die Menschen ein, die ihn mochten. Und sie gibt ihnen immer eine Kleinigkeit zur Erinnerung mit.
Das Glöckchen vom Camino und was es bis heute bedeutet
Beim Schreiben beschäftigten mich zwei Erzählstränge, Bilder und damit auch Symbole, doch nur eines davon wurde zum Herzstück dieser Rede.
Ein kleines Glöckchen, das sie und ihr Mann auf dem Camino de Frances gekauft hatten.

Sie lässt es seit seinem Tod jeden Tag erklingen.
Getragen von dem Satz aus dem Filmklassiker „Ist das Leben nicht schön?“ von 1946:
„Wenn irgendwo ein Glöckchen klingelt, bekommt ein Engel seine Flügel.“
Ich schlug ihr vor, kleine Glöckchen als Mitgebsel zu nutzen. Ihre Antwort kam prompt: „Ja. Genau das. Das machen wir. Warum bin ich da noch nie drauf gekommen?“
Ein Abend, der zeigte, wie lebendig Erinnerung sein kann
Vor kurzem an einem Sonntagabend war es dann soweit. Dreißig Menschen trafen sich beim Lieblingsitaliener des Verstorbenen.
Überall standen Fotos von ihm auf den Tischen. Sogar ein Album aus seiner alten Zeit lag dort. Überall Lichter und ganz viel Wärme. Sein Platz und seine Anwesenheit im Raum waren spürbar.
Nach der Vorspeise begann meine Rede.
Vier Musikstücke trugen zusätzlich die Erinnerungen.
Es wurde gelacht. Und geweint. Und auch vieles verstanden.
Manch einer lernte ihn überhaupt erst durch diese Rede kennen. Drei Gäste kamen nämlich später zu mir und sagten:
„Ich habe nur in die Familie eingeheiratet. Ich kannte ihn gar nicht. Aber jetzt habe ich ein echtes Bild von ihm.“
Ein guter Freund von ihm sagte:
„Mit jedem einzelnen Satz habe ich ihn wieder gesehen. Hatte ich Erinnerungen ans Kino. Ans Theater. An den Kiosk. Danke dafür.“
Am Schluss klingelten dreißig Glöckchen.
Nicht leise, sondern wie eine donnernde Standing Ovation.
Als Zeichen dafür, dass dieser Mensch nicht verschwunden ist, nur weil er nicht mehr da ist.
Warum wir Erinnerungsreden oft nur einmal hören und was eine Gedenkrede später bewirken kann
Auf der Heimfahrt stellte ich mir eine Frage, die Sie vielleicht auch schon lange begleitet:
Warum erzählen wir die Geschichten unserer Verstorbenen nur einmal öffentlich, nämlich bei der Beerdigung?
Warum nicht auch zum fünften Todestag? Zum zehnten? Oder zu dem Geburtstag, den diese Person heute gefeiert hätte?
Vielleicht war die erste Rede nicht das, was sie hätte sein können.
Vielleicht war sie wirklich schön, aber andere Erinnerungen sind inzwischen gewachsen.
Vielleicht möchten wir erst jetzt hören, was damals zu früh war.
Erinnerungen verändern sich schließlich, denn wir wachsen. Und manchmal wächst auch der Raum, jemandem wieder Worte zu schenken.
Der Abschluss und vielleicht ein Gedanke, der bleibt
Wenn Sie gerade an jemanden denken, der Ihnen fehlt, dann darf dieser Gedanke Raum bekommen.
Egal, wann man solch eine Erinnerungsrede oder Gedenkrede hält, eine solche Rede kann ein schöner Anlass sein, die Person noch einmal in die Mitte zu holen.
Es geht nicht darum, die Vergangenheit festzuhalten.
Es geht darum, sie noch einmal anzuschauen.
Gemeinsam. Mit einem warmen Gefühl im Herzen. Und zwar genau dann, wenn es sich richtig anfühlt.
Manchmal zeigt sich, wie gut Erinnerung tut, wenn man sie miteinander teilt.
Wollen wir einmal über solch eine Möglichkeit sprechen? Dann rufen Sie mich gerne an oder schicken mir eine eMail an info@diegrabrednerin.com
Ihre Michaela Burch

